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von Judith Schuck, 14.11.2022

Ein Theater für Genossen

Ein Theater für Genossen
„Mehl in der Schublade" von 2022 mit Ivan Georgiev, Roland Lötscher und Sonia Diaz. | © Lukas Fleischer

Das Theater Bilitz hat sich für den Thurgau zu einer Institution entwickelt. Um sich fit für die Zukunft zu machen, ist die einstige GmbH in eine Genossenschaft überführt worden. Dabei nutzte das Bilitz auch eine besondere Form der Unternehmensberatung. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Als Roland Lötscher 1988 das Theater Bilitz gründete, tat er dies mit dem Vorhaben, Kindern und Jugendlichen das Theater näher zu bringen. Die Stücke sollten so konzipiert sein, dass sie von Aufbau und Technik her mobil waren und so zu den Kindern und Jugendlichen ins Schulhaus reisen konnten. Bevor sich Lötscher mit seiner Einzelfirma selbständig machte, trat der ehemalige Lehrer bereits schweizweit in vielen Schulen auf. Das Bilitz war von Anfang an sein Herzensprojekt. Lötscher trug immer das volle Risiko als Inhaber der Firma, auch als sie 2005 zur GmbH wurde.

Vor vier Jahren meldete sich bei ihm der Kanton, mit dem es seit langer Zeit eine Leistungsvereinbarung gibt. Da er ins Pensionsalter komme, solle er eine Arbeitsgruppe einsetzen, um seine Nachfolge zu klären. Das Bilitz hat sich zu einer wichtigen Institution für den Thurgau entwickelt.

Kein Theaterbetrieb im Thurgau bringt mehr Stücke auf die Bühne, keiner bekommt so viel kantonale Unterstützung. «Ich hätte auch sagen können, wir hören auf, ich mache den Laden zu, ist ja meine Firma», sagt Roland Lötscher. Aber: «Das Bilitz ist Rolis Lebenswerk. Es ist grossartig und muss unbedingt weiterbestehen», erwidert Lena Leuenberger.

Mit Co-Leitung und Genossenschaft in die Zukunft

2018 stellte das Bilitz Lena Leuenberger für die Bereiche Kommunikation und Werbung ein. Schnell sei klar gewesen, dass «es für sie mehr Perspektiven als nur Kommunikation» geben werde, so Lötscher. Seit August teilt er sich mit ihr die Leitung. Leuenberger führt die Administration, Lötscher ist künstlerischer Leiter.

Nicht nur die Co-Leitung ist eine Neuerung, die das Theater in die Zukunft führen soll; rückwirkend auf den 1. August ist das Bilitz nun keine GmbH mehr, sondern eine Genossenschaft.

 

Roland Lötscher, Lena Leuenberger und Othmar Häne sind zufrieden mit ihrem Plan.
Roland Lötscher, Lena Leuenberger und Othmar Häne sind zufrieden mit ihrem Plan. Bild: Judith Schuck

 

Dass es neue Strukturen geben müsse, wenn Roland Lötscher zurücktritt, war klar. Denn niemand würde eine Firma übernehmen, die mit so hohem finanziellem Risiko und unermüdlichem Einsatz auf der Bühne und in der Organisation verbunden war, wie es der Bilitz-Gründer aufzubringen vermag.

«Wir wussten: Das Theater unabhängig von Roli in die Zukunft zu tragen, das gibt ein grösseres Projekt», sagt Leuenberger. Dafür brauchten die beiden Hilfe. Bei einer Veranstaltung wurde Leuenberger auf Innovage aufmerksam, einen Verein, der kulturell oder sozial engagierten Non-Profit-Organisationen kostenlose Unternehmensberatung gibt.

Damit die Expertise nicht mit in den Ruhestand geht

Othmar Häne ist einer der rund zehn Leute, die für Innovage Ostschweiz tätig sind: «Die Idee hinter Innovage ist, dass Lebenserfahrung und Fachwissen insbesondere von Führungs- und Fachpersonen über die Pensionierung hinaus nützlich sein können.» Seit 2006 hat sich dieses Konzept, das ursprünglich von Migros Kulturprozent initiiert wurde, in der ganzen Schweiz etabliert.

Die regionalen Beratungszentren werden in einem gesamtschweizerischen Dachverband zusammengefasst, heute mit gut 170 Berater:innen. Ausser einem symbolischen Betrag und Spesen arbeiten Innovage-Beraterinnen und -Berater unentgeltlich. «Wir sind Idealisten und können unsere Administration und unseren Internetauftritt so einigermassen finanzieren», sagt Häne.

 

Das älteste Bilitz Stück „Käthi B." von 1988 mit Roland Lötscher
Das älteste Bilitz Stück „Käthi B." von 1988 mit Roland Lötscher. Bild: z.V.g.

 

In der Regel bringen die Innovage-Berater:innen einen beruflichen Hintergrund als Führungsperson oder Projektspezialist:in mit. Seit 2019 sitzt Innovage nun mit Lena Leuenberger und Roland Lötscher am Tisch.

Zunächst ging es darum, gemeinsam mit allen Mitarbeitenden ein Leitbild zu erarbeiten: ein breites Publikum zum Theater zu führen, einen hautnahen Kontakt zu dieser Kunst- und Ausdrucksform zu fördern, mit den Produktionen Neugierde und Mitdenken zu fördern.

Was die Führungskultur betrifft, soll die Selbstverantwortung durch flache Hierarchien gefördert werden. «Wir pflegen eine konstruktive und effiziente Qualitätssicherung mit einer guten Feedback-Kultur», heisst es im Leitbild.

Sicherheit für die Angestellten

«Relativ früh haben wir einen Plan gemacht, welche Schritte wann angegangen werden müssen», sagt Othmar Häne, «und wir konnten das bisher gut einhalten.» Sie diskutierten die künftig möglichen Rechtsformen und kamen schliesslich zur Genossenschaft. «Die Alternative wäre ein Verein gewesen», sagt Lötscher.

Aber für einen Betrieb mit so vielen Angestellten stimme ein Verein nicht mehr. Lena Leuenberger ergänzt: «Uns ging es immer darum, den 20 Angestellten mit rund 760 Stellenprozent Sicherheit geben zu können.» Mit der Form der Genossenschaft konnten sie ihnen kommunizieren, dass es eine Zukunft gibt, an der sie aktiv mitgestalten können.

Für 200 Franken können Interessierte einen Anteilschein erwerben. Sie werden damit Genossenschafter:innen und haben an der Generalversammlung eine Stimme, unabhängig davon, wie viele Anteilscheine sie erworben haben – ein völlig basisdemokratisches System. Oberstes Organ der Genossenschaft bildet nach der Generalversammlung die Verwaltung. Sie besteht aus Franziska Peterli (Präsidentin), Markus Thalmann (Vize-Präsident), Anja Tobler, Dominik Anliker und Patrik Seiz.

 

Gründungsfeier der Bilitz Genossenschaft
 Roland Lötscher an der Gründungsfeier für die Genossenschaft. Bild: Anja Mosima

Nicht nur Liebhaberei, sondern Kompetenz gefragt

Roland Lötscher ist froh, diese qualifizierten Persönlichkeiten fürs Bilitz gewonnen zu haben. «Wir brauchen kompetente Leute, die das nicht nur aus Liebhaberei für unser Theater machen.» Was das Genossenschaftskapital betrifft, ist das Minimalziel von 20 000 Franken bereits übertroffen, denn es wurden Anteile für 30 000 Franken erworben. Neben der Genossenschaft bleibt der Gönnerverein Pro Bilitz weiterhin bestehen.

Es gibt bereits Theater, die gute Erfahrungen mit dieser Rechtsform gesammelt haben, darunter das Vorstadttheater Basel und das Theater St. Gallen. «Verwaltung und Generalversammlung übernehmen ein stückweit die Verantwortung, die ich bisher alleine trug», erklärt Roland Lötscher, der neben der Betriebsführung noch in gut 50 Prozent der Produktionen als Schauspieler mitwirkt.

Das Tolle an der Umwandlung sei: «Der Zeithorizont unserer Organisationsentwicklung reicht bis Ende 2026. Bis dahin sollte alles stehen und ich trete aus der Leitung zurück.» Was natürlich nicht heisst, dass Lötscher seinem «Baby» komplett den Rücken zukehrt.

 

Theater Bilitz

Roland Lötscher gründete 1988 das Theater Bilitz in Münchwilen als Einzelfirma. Nach einer Zwischenstation in Frauenfeld wurde das Bilitz 2008 im damals neu gebauten Theaterhaus Thurgau am Bahnhof Weinfelden sesshaft. Schon 2005 entschied sich Lötscher aus der Einzelfirma eine GmbH zu machen. Im Sommer 2022 wird es zur Genossenschaft umgewandelt.

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