von Michael Lünstroth, 25.05.2018

Die rätselhafte Frau Hugentobler

Die rätselhafte Frau Hugentobler
Zunge raus, Kopf an: Sarah Hugentoblers Kunst erschliesst sich nicht immer auf den ersten Blick. Sie lohnt aber den zweiten oder dritten Blick. Das Foto ist ein Videostill aus ihrer aktuellen Arbeit "Mir Händ En Verein" | © Privat

Zeitgeistig und ein bisschen unheimlich: Sarah Hugentobler hält ihr Publikum in Atem. Teil 3 unserer Serie über die Gewinner der diesjährigen Kulturförderbeiträge des Kantons

Von Michael Lünstroth

Manchmal muss man im Leben Umwege gehen, um ans Ziel zu kommen. Ein bisschen so war das auch bei Sarah Hugentobler und ihrem Weg in die bildende Kunst. Angefangen hat sie mit ihrem künstlerischen Schaffen nämlich beim Theater. «In semi-professionellen Bühnen habe ich mich ausprobiert, ich dachte, das wäre mein Weg. Aber inzwischen weiss ich - die freie, bildende Kunst passt am Besten zu mir. Es fühlt sich jetzt jedenfalls alles total richtig an», blickt die 37-Jährige zurück.  Geboren und aufgewachsen in Eschenz, zog es sie nach einem Vorkurs an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich an die Berner Hochschule der Künste. Dort absolvierte sie einen Bachelor in Fine Arts. In dieser Zeit hat sie sie sich auch für den Weg als freie Künstlerin entschieden: «Ich wollte es versuchen und nicht später bereuen, dass ich es nicht gewagt habe», sagt sie.

Bereuen muss sie es inzwischen nicht mehr. Sie ist regelmässig an Ausstellungen beteiligt, das Kunstmusuem Thurgau hat in den vergangenen Jahren bereits drei ihrer Werke angekauft, sie war auf beiden Werkschauen des Kantons vertreten, für die Kulturstiftung war sie 2017 die erste Stipendiatin im Atelier Belgrad. Dass sie jetzt mit dem mit 25.000 Franken dotierten Förderbeitrag des Kantons ausgezeichnet wird, ist da beinahe folgerichtig. «Ich freue mich sehr über diesen Beitrag. Er ist eine Anerkennung meines bisherigen Schaffens und er ermöglicht mir in den nächsten Monaten entspannt und ohne finanziellen Druck in meinem Atelier arbeiten zu können», sagt die heute in Bern lebende Hugentobler. 

«Ich wollte es einfach versuchen und nicht später bereuen, dass ich es nicht gewagt habe»: Die Künstlerin Sarah Hugentobler über ihren Weg in die Kunst.«Ich wollte es einfach versuchen und nicht später bereuen, dass ich es nicht gewagt habe»: Die Künstlerin Sarah Hugentobler über ihren Weg in die Kunst. Bild: Privat

Sie will Dinge anstossen, Diskussionen ermöglichen

Nach einigen Ausflügen in andere künstlerische Gefilde, will sie sich wieder stärker auf die eigene Arbeit konzentrieren. «In den vergangenen Jahren habe ich viel ausprobiert, viel gelernt, jetzt habe ich das Gefühl, dass ich mich wieder stärker fokussieren möchte auf meine eigentliche Arbeit», sagt die 37-Jährige. Die eigentliche Arbeit, das ist im Fall von Sarah Hugentobler vor allem die Videokunst. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich viel mit Themen, die gerade auch die Gesellschaft beschäftigen. Oft trifft sie dabei den Nerv der Zeit. Sie will Dinge anstossen, Diskussionen ermöglichen, Denkmuster erweitern. Ihre Arbeiten sind oft rätselhaft wie Filme von David Lynch. Es liegt immer etwas spürbar Unheimliches in der Luft. 

Fragt man sie nach ihrer Arbeitsweise, dann erklärt sie es am Beispiel ihres Videos „Astronauten“: «Ich suchte ein Genre, an das ich Themen, die mich interessieren, anknüpfen konnte. Die Kopie im digitalen Zeitalter, das Mash-up, Vervielfältigung der Identität waren unter anderem Inhalte, die mich zur Idee des Filmes brachten.» Es ging ihr dabei auch darum, eine bestimmte Stimmung abzubilden. Wie sie diese Stimmung erreichen könnte, wusste sie am Anfang noch nicht, das ergebe sich im Prozess, erklärt Hugentobler. Mit diesem leichten Gepäck suchte sie nach einem passenden Drehplatz und fand eine alte Industrieküche, der perfekte Drehort für ihre Idee: «Der Raum war ausschlaggebend für Vieles, was danach passiert ist», sagt die Künstlerin. Vor Ort hat sie dann erstmal gefilmt - komplett ohne Drehbuch. «Ich sammele sehr viel, suche nach der richtigen Stimmung für die Figuren, probiere viel aus. Erst hinterher wähle ich aus», gibt die 37-Jährige einen Einblick in ihre Arbeit. 

Video: Trailer zu der Arbeit "Astronauten"

In Zürich arbeitet die Künstlerin auch mit Kindern an Projekten

Im Brotberuf ist Sarah Hugentobler Erzieherin. Da liegt es nahe, dass sie in Kunstvermittlungsprojekten auch mit Kindern arbeitet. In Zürich begleitet sie in verschiedenen Projekten Kinder vom Kindergartenalter bis zur dritten Klasse. In diesen Kursen will die Künstlerin den Nachwuchs an die digitalen Bildwelten heranführen. «Mir geht es dabei auch darum, das Thema ‚digitale Medien‘ nicht so angstbehaftet zu besprechen, wie es oft geschieht», so Hugentobler. Sie wolle den kreativen Raum aufzeigen, den die digitale Welt bietet, sagt die Künstlerin. Die Kinder lernten dann quasi nebenher, dass Bilder eben auch manipulierbar seien und nicht immer alles so ist wie es scheint. «Mir machen diese Projekte grosse Freude, weil ich darin selbst auch immer etwas lerne», erklärt Sarah Hugentobler.

Ein wichtiger Schritt in ihrer Entwicklung war für die Künstlerin auch der Atelieraufenthalt in Belgrad im vergangenen Jahr. Ein halbes Jahr hat sie in der serbischen Metropole gelebt. Ihre Bilanz? «Es war eine Zeit der Reflexion, die in diesem Ausmass zu Hause in der gewohnten Umgebung nicht möglich ist. Seit meiner Rückkehr bin ich ziemlich fokussiert, weiss genauer, wie ich arbeiten möchte und meine Entscheidung als Künstlerin leben zu wollen, hat sich nochmals verstärkt», so die 37-Jährige. Mit dem Fördergeld des Kantons will sie sich in den kommenden Monaten in ihr Atelier zurückziehen, um an neuen Ideen zu arbeiten. Stärker als bislang will sie sich den digitalen Welten widmen. «Die kreativen Möglichkeiten mit Hilfe von digitalen Medien sind grossartig, als Künstlerin kann man sich da richtig austoben», sagt Sarah Hugentobler. Die Auszeichnung mit dem Förderbeitrag jetzt empfindet sie als Anerkennung, aber auch als Verpflichtung für die Zukunft. «Da ist jetzt auch ein bisschen Druck, aber das ist guter, positiver Druck, der mich antreibt», so die 37-Jährige. 

Musikvideo «Mir Händ en Verein»

Min King - Mir Händ En Verein from Sarah Hugentobler on Vimeo.

Die Förderbeiträge und die Serie

Die Förderbeiträge: Es werden pro Jahr maximal sechs Förderbeiträge zu Fr. 25 000.– an Thurgauer Kulturschaffende vergeben. Die Förderbeiträge sind als Kunststipendien für die künstlerische Weiterentwicklung bestimmt und sollen nicht primär für die Realisierung von Kunstprojekten eingesetzt werden. Die Übergabe der Förderbeiträge findet im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung am Donnerstag, 31. Mai 2018, um 19 Uhr im Kino Roxy in Romanshorn statt.

 

Die Serie: In einer Serie stellen wir alle sechs Begünstigten der diesjährigen Kulturförderbeiträge vor. Neben Sarah Hugentobler sind dies: Micha Stuhlmann, Performerin, Kreuzlingen; Felix Brenner, bildende Künstlerin, Altnau; Beat Keller, Musiker, Winterthur; Vincent Scarth, bildender Künstler Zürich; Olga Titus, bildende Künstlerin, Winterthur. Die Medienmitteilung zur Vergabe der Förderbeiträge gibt es hier http://www.thurgaukultur.ch/magazin/3557   

 

Teil 1 der Serie über Micha Stuhlmann: Zum zweiten Mal erhält die Performerin Micha Stuhlmann einen Kulturförderbeitrag des Kantons. Mit ihrem «Laboratorium für Artenschutz» will sie der Kunst und dem Leben näher kommen: https://www.thurgaukultur.ch/magazin/3595

 

Teil 2 der Serie über Felix Brenner: Der bildende Künstler Felix Brenner ist einer der sechs Preisträger des Förderpreises für Kulturschaffende des Kantons Thurgau. Thurgaukultur traf ihn in seinem Zuhause in Altnau: https://www.thurgaukultur.ch/magazin/3596/ 

Teil 4 der Serie über Beat Keller: Der Weinfelder Beat Keller ist Noise-Musiker. Er spielt mit einer Feedbacker-Gitarre, einem weltweiten Unikat, experimentelle Musik. Ende Monat erhält er dafür einen Förderbeitrag des Kantons Thurgau. https://www.thurgaukultur.ch/magazin/3624/ 

 

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