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von Barbara Camenzind, 27.02.2023

Gesang auf Reisen

Gesang auf Reisen
Vereint in Stimme und Klang: chant1450 mit Christian Zehnder (rechts) und Zivi Braha an der Laute. | © Barbara Camenzind

Das Vokalensemble chant1450, der Lautenist Ziv Braha und der „Global-Jodler“ Christian Zehnder schenkten dem Publikum in Romanshorn mit ihrer „Musica Transalpina“ ein Klangerlebnis, das perfekt in die kleine Kirche passte. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

Gute Musik findet ihren Weg. Und ging schon früh gerne auf Reisen. Als 1588 im elisabethinischen England die Sammlung „Musica Transalpina“, mit Madrigalen italienischer Komponisten erschien, die auf Englisch übersetzt, den Musikliebhabenden auf der Insel viel Freude bereitete, hatten die Noten einen recht abenteuerlichen Weg hinter sich.

Die Seewege waren aufgrund politischer Dauerdifferenzen mit Spanien und religiöser Meinungsverschiedenheiten wohl eher nicht so sicher. Gut vorstellbar, dass die Noten auf dem Landweg, mit dem Maultier über die Alpenpässe transportiert und dann via Belgien, Nordfrankreich über den Kanal reisten.

Die mehrstimmigen Madrigale von Alfonso Ferrabosco (1543-1588), Giovanni Ferretti (1540-1609), des berühmten Flamen Orlando di Lasso (1532-1594) und Giaches de Weert, der 1596 in Mantua starb, waren die Trendmusik der Renaissance. Diese polyphonen Gesänge, rhythmisch und harmonisch gesetzt wie klingende Gebäude, trafen den Nerv der Zeit in England, das sich in seinem Selbstverständnis und Selbstbewusstsein ebenfalls gerade neu aufbaute.

Video: So klingt Christian Zehnders Gesang

Spannende Protagonist:innen auf der Bühne

Das Vokalensemble chant1450 besteht aus Experten in Sachen Renaissance. Für das Konzert verstärkten sie sich mit dem Lautenisten Zivi Braha (die Laute war das Trendinstrument im England der damaligen Zeit). Ebenso dabei: Der grossen Netzwerker, Stimmkünstler und Global-Jodler Christian Zehnder. Er setzte einen Kontrapunkt mit seinem ganz persönlichen Zugang zur „Musica alpina“, seiner Alpenmusik, in der die ganze Welt mitklingt.

Es war ein Konzerterlebnis wie aus einem Guss. Das Ensemble, so organisch zusammengesungen, dass jede einzelne Stimme in der anderen mitklang. Mit feinem Schalk und weicher Tongebung interpretierten die fünf Sängerinnen und Sänger die Werke, in denen die Hingabe, die Melancholie, die Lebenslust als Farben erklangen und sich Nymphen, Nachtigallen, der Mai und natürlich auch die ewig schöne Susanna tummelten.

Hochkonzentriert, nie manieriert

Die beiden Sängerinnen Camille Joutard und Giovanna Baviera, der Tenor Daniel Manhart, Bariton Simon MacHale und Jedediah Allen, Bass, stellten sich hochkonzentriert und nie manieriert in den Dienst der Musik, um beim Publikum innere Hörbilder zu erzeugen. Bei John Willbye‘s „As fair as I morn“ und dem letzten „Now ist the month of maying“ von Thomas Morley, bei dessen falalala man am liebsten selbst mitgesungen hätte, klangen sie streckenweise wie Rohrblattinstrumente. Das war richtig gut musiziert und interpretiert.

Vokalmusik und Instrumentalmusik waren in der Zeit noch fest miteinander verwoben. Zivi Braha, der mit seiner Knickhalslaute Klangkaskaden von Alfonso Ferrabosco, John Dowland und Orlando Gibbons in die alte Kirche zauberte, „fädelte“ nach und nach den erst solistisch auftretenden „Musica Alpina“-Sänger Christian Zehnder in die Ensemblemusik ein.

 

Christian Zehnder und seine Einhand-Handorgel. Bild: Barbara Camenzind

Auch zum Zuschauen spannend

Es war beeindruckend, wie Zehnder aus dem tibetisch anmutenden tiefen Strohbassregister sich in die allerfeinsten Obertöne jodelte. Zum Zuschauen ebenfalls spannend, wie er Mundstellungen verändert, seine Hände einsetzte, um auf einem archaischen Bordunklang die Obertöne spielen zu lassen. Zweistimmig singen alleine geht bei ihm.

Und wie anmutig er den feinziselierten alten Kompositionen nachspürte, sie aufnahm, paraphrasierte und in einem feinen Juchzer in einen Berghimmel entliess. Es war, als hätte Christian Zehnder die weitgereiste Musik aus dieser Liedersammlung noch einmal mit auf die Reise genommen.

Verdienter begeisterter Applaus zum Schluss für alle Künstler*innen, die sich mit zwei Zugaben bedankten. Christian Zehnder verabschiedete sich mit einem schönschrägen Zäuerli, in dem aber auch etwas Afrika sei, wie er meinte. Singen im Jahr 2023 kann so schön sein, wenn die Klänge auf die Reise gehen dürfen.

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