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Der Spätstarter

Der Spätstarter
Roland Iselin. Selbstporträt | © Roland Iselin

Von der Zürcher Technoszene bis zum Nordirland-Konflikt: In seinen Fotografien erzählt der im Thurgau aufgewachsene Roland Iselin mit genauem Blick ganz eigene Geschichten aus dem Alltag unserer Zeit. Ein Porträt

Meistens weiss man ja nicht so ganz genau, was das Leben mit einem vorhat. Und so ist es auch ziemlich wahrscheinlich, dass der junge Roland Iselin als er im August 1974 eine Ausbildung zum „uniformierten Postbeamten“ in Sulgen begann, nichts davon ahnte, dass seine Fotografien mal in renommierten Ausstellungshäusern wie dem Fotomuseum Winterthur oder dem Kunsthaus Zürich gezeigt werden würden. Damals hätte Iselin vermutlich auch nicht für möglich gehalten, dass man mit so was wie Fotografie oder gar Kunst sein Berufsleben verbringen könnte. „Da wo ich herkomme, hat man nicht studiert, da machte man eine Lehre und arbeitete“, sagt der Fotograf heute, wenn man ihn nach seinen Karrierewegen fragt. So was wie Kunst spielte in seiner Familie keine Rolle, „ich habe das alles erst später kennen gelernt und für mich entdeckt“, sagt der heute 61-Jährige.

Dass er einer der interessantesten Fotografen der Schweiz ist, konnte man vor einigen Monaten auch in seiner Kreuzlinger Ausstellung „Revisited - Twentysix Gasoline Stations & Troubled Land“ beobachten. Seine Aufnahmen aus Nordirland und den USA zeigten sehr eindrücklich, welch genaues Auge er für Bildkompositionen hat und wie geschickt er es versteht, die Fotos in Geschichten zu verwandeln, die sich im Kopf des Betrachters auserzählen. Axel Lapp, Kurator und Leiter der Memminger Mewo-Kunsthalle, hat schon mehrere Ausstellungen mit Arbeiten von Roland Iselin gemacht. Er beschreibt das Besondere an Iselin Arbeiten so: „Ich finde seinen genauen Blick sehr spannend. Er ist einer der Fotografen, die sehr konzeptuell arbeiten. Es gibt keinen Iselin-Stil, woran man die Fotografien formal immer wieder erkennt, sondern er arbeitet in Serien, deren Techniken und Formate genau auf die Idee abgestimmt sind. Bisweilen bezieht er sich auf historische Fotoserien, die er dann wieder aufnimmt, es ist aber immer ein soziologisches Interesse erkennbar, an den Lebensumständen anderer Menschen, an ihrem Leben.“

Bilderstrecke: Einblicke in Roland Iselins Werk (aus der Serie «Revisited (Twentysix Gasoline Stations), 2017»

Das trifft es eigentlich ganz gut. Denn: So unterschiedlich die verschiedenen Serien sind, die Roland Iselin in den vergangenen Jahren aufgenommen hat, so vereinen sie doch ein Grundinteresse, das den Fotografen schon lange antreibt: „Mich interessieren Strukturen und wie sich Gesellschaften oder Gemeinschaften organisieren“, sagt Iselin selbst. Ein Faible, das er offenbar aus einem früheren Job behalten hat. Noch bevor er an der Zürcher Hochschule der Künste Fotografie studierte, belegte er das Fach Soziokulturelle Animation am Institut für angewandte Psychologie und arbeitete später in benachteiligten Quartieren. Dort beschäftigte er sich mit Jugendlichen und leistete kulturelle Sozialarbeit. Als Fotograf war er allerdings auch zu der Zeit schon unterwegs: Anfangs der 1990er Jahre fotografierte Iselin immer wieder die Zürcher Technoszene, die sich jeden Samstag im Kaufleuten traf. Als er 1999 nach New York ging um seinen Master of Fine Arts an der School of Visual Arts zu machen, war der Sozial-Arbeits-Job Geschichte, aber das soziokulturelle Interesse blieb dem Fotografen.

Sein Werk ist geprägt von unterschiedlichen Stilen. Zu Beginn dominierten dokumentarische Porträts, später wurde inszenierte Landschaftsfotografie wichtiger. In jüngeren Arbeiten wie der Nordirland-Serie „Troubled Land“ neigt er wieder mehr zum dokumentarischen Stil. Menschen finden sich kaum noch in den Aufnahmen oder wenn dann nur als Randfiguren. Die Landschaften stehen im Vordergrund, „sie lassen letztlich aber auch einen Schluss zu über die Menschen, die in diesen Landschaften leben“, sagt Roland Iselin. Freilich gilt für seine Porträts wie für seine Landschaftsaufnahmen etwas, das Oliver Kielmayer in einem Aufsatz über Iselins Werk an den amerikanischen Fotografen Larry Fink denken liess: „Dessen fotografische Darstellung spezifischer Formen menschlicher Gesellungen vermittelte gleichfalls ein Menschenbild, in dem sich die Brüchigkeit der eigenen Existenz reflektierte.“ Das lässt sich auch für Iselins Arbeiten sagen.

„Ich weiss oft, was ich suche. Ich weiss aber nur selten, was ich finde.“

Roland Iselin, Fotograf, über seine Arbeitsweise 

Abstrakte Fotografien sind nicht sein Ding. Es geht ihm schon darum, Geschichten zu erzählen. Seine Fotos versteht er als Ausschnitte von Realität: „Meine Auswahl des Motivs, meine Auswahl der Perspektive und meines Standpunktes führen dazu, dass ich mit Bildern aus der Realität eine eigene Geschichte erzählen kann. Das sind oft sehr persönliche Sichten auf die abgebildeten Themen“, erklärt Iselin. Wichtig ist ihm dabei aber, dass er niemandem seine Sichtweise aufdrängt. Wohl auch deshalb, hält er sich bildästhetisch oft zurück: Die Bildausschnitte sind meistens weit gewählt, Menschen sind selten zu sehen. Und wenn, dann nur in einiger Entfernung. „Der Film“, sagt Roland Iselin, „muss immer im Kopf des Betrachters ablaufen.“

Vieles an seiner Arbeit entstehe bei ihm oft erst vor Ort, sagt Iselin. Es gebe einen groben Plan vorab, aber er lasse sich ansonsten vor allem von den Gegebenheiten vor Ort treiben. „Bei der Nordirland-Serie ‚Troubled Land‘ zum Beispiel habe ich vorher gewusst, was ich suche. Ich wusste aber nicht, was ich finden würde“, sagt Iselin. Aus Motiven, die er vor Ort entdeckt, könne sich immer auch etwas ganz Neues ergeben. Er will im Kopf offen bleiben bei seiner Arbeit und sich nicht zu sehr auf ein eingezäuntes Thema fokussieren.

Zurück aufs Land? Keine dauerhafte Option für den Fotografen

Seit Jahren lebt Roland Iselin in Zürich. „Ich lebe sehr gerne hier. Das vielfältige Angebot in der Stadt ist wichtig für mich“, sagt er. Für den Kopf. Für das Herz. Zurück aufs Land zu gehen, ist für ihn keine Option. Er brauche das Gefühl, immer ein Kino in der Nähe zu haben, sagt der 61-Jährige. Neben seiner eigenen künstlerischen Arbeit ist er auch Dozent an der Zürcher Schule für Gestaltung. Iselin leitet dort den Fotokurs. An einem neuen Projekt arbeitet er derzeit nicht nicht. „Es ist das erste Mal seit Jahren, dass ich nicht schon Monate vorher weiss, was ich die nächsten Monate mache“, erklärt Iselin. Früher habe ihm das Angst gemacht, „heute kann ich das entspannt annehmen. Ehrlich gesagt, geniesse ich das gerade sogar sehr“, sagt der Fotograf mit einem Lächeln im Gesicht.

Ausstellungen: Noch bis 15. September ist Roland Iselins Nordirland-Serie „Troubled Land“ in der Mewo-Kunsthalle in Memmingen (Allgäu) zu sehen. 

Bilderstrecke: Einblicke in Roland Iselins Werk (aus der Serie «Unguided road trip 2010-16»)

 

 

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