«Wir haben die besseren Karten»

«Wir haben die besseren Karten»
«In sechs Jahren könnte man in Frauenfeld das neue Historische Museum eröffnen.» Anders Stokholm, Stadtpräsident von Frauenfeld, im Interview in seinem Büro im Rathaus | © Sascha Erni

Lange hat sich die Stadt Frauenfeld im öffentlichen Werben um das kantonale Historische Museum zurückgehalten. Jetzt spricht Stadtpräsident Anders Stokholm offen über Ideen, Standorte und den Rivalen Arbon. 

Herr Stokholm, warum muss das kantonale Historische Museum in Frauenfeld bleiben?

Zum einen gibt es das Museum hier schon seit 60 Jahren, es hat eine lange Tradition in Frauenfeld. Dazu kommt, dass sich das Museum in den letzten Jahren an diesem Standort sehr erfolgreich entwickelt hat unter der Direktorin Gabriele Keck. Zusammen mit den beiden anderen kantonalen Museen, dem archäologischen und dem Naturmuseum hat sich hier ein Museumscluster gebildet, der es auch für Besuchergruppen einfacher macht, alle Museen an einem Tag anzuschauen. Gerade für Schülergruppen ist das sehr praktisch. Die Nähe ermöglicht ausserdem Synergien zwischen den Direktoren, die Nähe zum Staatsarchiv ist ein weiterer Punkt, der für die Arbeit der Museen relevant ist. Und ein Stück weit gehört so ein kantonales Historisches Museum eben auch zu einer Kantonshauptstadt.  

Trotzdem gibt es in der Politik Tendenzen, mindestens einen Teil des Historischen Museums nach Arbon zu verlagern.

Das ist ehrlich gesagt etwas, dass ich an der kantonalen Politik seitens des Regierungsrats ein bisschen schwierig finde. Regionalpolitik hat in der Museumspolitik nichts zu suchen. Das ist meine persönliche Meinung. Da muss man doch eher schauen, wo kann man möglichst viel mit möglichst effizientem Mitteleinsatz ein optimales Museum erreichen? Das müsste die Fragestellung sein und dann ist der Standort klar.

„Regionalpolitik hat in der Museumspolitik nichts zu suchen.“

Anders Stokholm, Stadtpräsident Frauenfeld (Bild: Sascha Erni)

Nämlich?

Frauenfeld hat da definitiv die besseren Karten. 

Warum?

Naja. Man möchte ja ein Museum haben, das möglichst vielen Menschen zugänglich ist. Und deshalb würde ich unbedingt auch auf die Frequenzen schauen. Vielleicht eines dazu noch: Wir haben vor zwei Jahren mal die Erreichbarkeit von Frauenfeld und Arbon miteinander verglichen. Die Ergebnisse waren ziemlich eindeutig: Sowohl mit Bus und Bahn als auch mit dem Auto ist Frauenfeld für eine grosse Mehrheit im Kanton viel schneller zu erreichen als Arbon. Ich finde, das sollte gerade in Zeiten der Klimakrise auch eine Rolle spielen.

Sie hätten ja als Kantonshauptstadt auch sagen können: Wir haben hier mit dem Naturmuseum und dem Museum für Archäologie schon zwei tollen Museen. Wir gönnen Arbon das Historische Museum des Kantons.

Wir haben das nicht gemacht, weil wir überzeugt davon sind, dass man das Museums-Cluster, den Zusammenschluss hier in Frauenfeld, unbedingt zusammenhalten muss. Für mich geht es dabei vor allem darum, Stärken zu stärken. Das bringt mehr, als wenn man Sachen aus Kontexten löst, die sich eigentlich bewährt haben. Es verliert an Dynamik auf beiden Seiten: An dem einen Ort wird es nicht so stark, dass es alleine bestehen kann und am anderen Ort wird es geschwächt. Das kann es ja auch nicht sein. Das Herauslösen, das ist der falsche Weg. Das ist wie beim Gebiss, wenn man Zähne heraus nimmt: Es hat hinterher nicht mehr die gleiche Kraft.

Apropos Bissigkeit: Während Arbon seit Monaten für sich wirbt, hat sich Frauenfeld bislang öffentlich sehr zurückgehalten. Warum eigentlich?

So wahnsinnig viel weniger haben wir uns eigentlich nicht geäussert. Es wird vielleicht mehr wahrgenommen, wenn Arbon sich einbringt, weil es ein klein wenig ungewöhnlicher ist, wenn sich sozusagen der Herausforderer meldet. Es ist doch so: Erster werden ist oft nicht das Problem, Erster bleiben, das ist viel schwieriger. Das bewahrheitet sich immer wieder. Wir sind der Standort und irgendwo müssen wir aufpassen, dass wir nicht zu fest übersteuern und sagen „Wir sind die Besten und können alles besser“. 

„Das Champignon-Prinzip gilt bei uns im Thurgau schneller mal als anderswo. Wenn einer ein bisschen zu sehr den Kopf heraushebt, wird er gleich wieder gestutzt.“

Anders Stokholm, Stadtpräsident Frauenfeld und FDP-Kantonsrat (Bild: Sascha Erni)

Zurückhaltung aus Imagegründen? Haben Sie Sorgen um den Ruf der Stadt Frauenfeld?

Es ist nunmal einfach so: Der Kanton Thurgau tickt da ein bisschen anders als städtischere Kantone. Das Champignon-Prinzip gilt bei uns schneller mal als anderswo. Wenn einer ein bisschen zu sehr den Kopf heraushebt, wird er gleich wieder gestutzt. Das ist so die Gratwanderung, die wir bewältigen müssen: Wir schauen, dass wir uns einbringen in den Prozess, dass wir unsere Stärken und Interessen markieren, aber auch nicht übertrieben, so dass die anderen irgendwann sagen: „Den arroganten Typen aus Frauenfeld, den geben wir nichts mehr.“

Durch das öffentliche Schweigen hatte man allerdings eher das Gefühl, Frauenfeld sei nicht zwingend am Museum interessiert…

Das wäre ein falscher Eindruck. Deshalb haben wir vor zwei Wochen auch die Medienkonferenz gemacht. Gegenüber dem Regierungsrat haben wir im Übrigen immer sehr deutlich kommuniziert, dass wir das Historische Museum auf jeden Fall in der Kantonshauptstadt behalten wollen. Wir haben die diversen Stellungnahmen dazu nur nicht jedes Mal öffentlich gemacht. 

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War das ein Fehler?

Ich weiss nicht. Wir haben das gegenüber der Politik immer sehr klar kommuniziert. Und das ist letztlich in der jetzigen Phase entscheidend. Wir haben unsere Nähe zur Regierung hier genutzt, da mussten wir nicht allzu laut auf uns aufmerksam machen. Aber nochmal: Wir nehmen sehr ernst, dass sich jemand anders auch um das Museum bewirbt. Das ist jetzt eine Herausforderung. Die nehmen wir auf, aber wir gehen nicht gerade ins hundertprozentige Powerplay, um die anderen zu überfahren.

Wie nehmen Sie denn die Bemühungen aus Arbon wahr?

Es ist ihr gutes Recht, sich auch um das Museum zu bemühen. Was ich persönlich finde ist, dass es keinen Sinn machen würde, ein Schloss durch das andere zu ersetzen. Dass sie ihre Industriegeschichte ins Feld führen, das hat etwas. Ob diese Geschichte reicht für ein Historisches Museum, da kann man streiten. Mein Eindruck ist, dass die Kollegen in Arbon recht hoch pokern. Sie wittern jetzt ihre Chance. Das ist doch legitim. 

„Mein Eindruck ist, dass die Kollegen in Arbon recht hoch pokern.“

Anders Stokholm, Stadtpräsident Frauenfeld (Bild: Sascha Erni)

Paul Roth, Generalsekretär des kantonalen Departements für Erziehung und Kultur, hat vor einigen Monaten mal eine Doppellösung ins Spiel gebracht: Frauenfeld bekommt einen Teil des Historischen Museums, Arbon aber auch. Was halten Sie von der Idee?

Ehrlicherweise muss man hier sagen: Im jetzigen Historischen Museum im Schloss Frauenfeld findet Industriegeschichte nicht statt. Es wäre dann kein Herauslösen aus dem Historischen Museum, sondern es wäre die Entwicklung eines weiteren Standbeins des Museums zur Industriegeschichte. Und das kann man irgendwo machen, wo es Sinn macht. Da würde ich jetzt nicht gegen Arbon reden, sondern da würde ich nur für Frauenfeld reden. Nicht, um die anderen schlecht zu machen, sondern um klar zu sagen: Das kann man hier auch machen. Wir haben einen spannenden Standort und wir haben hier in Frauenfeld auch spannende industriehistorische Themen. 

Vor zwei Wochen haben Sie in einer Medienkonferenz für einen Museumsneubau auf dem Oberen Mätteli geworben. Wie sehen die aktuellen Pläne dort aus?

Der städteplanerische Wettbewerb dort ist seit 2016 entschieden. Ein Architekturbüro aus Zürich hat damals gewonnen. Die Idee von dem Siegerwettbewerb „all day long“ spielt auf einen 24-Stunden-Betrieb an. Das heisst, angedacht sind dort auf dem Areal spezielle Formen von Wohnen: Hotel- und Studentenwohnheim am ehesten, keine regulären Wohnungen, das würde sich mit weiteren geplanten Nutzungen wie einer Eventhalle und Gastronomie nicht so gut vertragen. Der Entwurf sieht eine Teilung der Nutzung vor. Am Tag: Büro, Event und Bildung. Und in der Nacht: Übernachtung und Veranstaltungen. Auf dem Oberen Mätteli zeigt die Wettbewerbseingabe einen markanten Neubau – dieser ist für eine öffentliche Nutzung wie zum Beispiel ein Museum gedacht.

„In sechs Jahren könnte man das Museum eröffnen. Wenn alles gut geht."

Anders Stokholm, Stadtpräsident Frauenfeld (Bild: Sascha Erni)

Wann könnte der Bau beginnen?

Es wäre relativ schnell realisierbar. Gespräche mit dem Grundstückseigentümer, der Bürgergemeinde Frauenfeld, haben schon stattgefunden, da ist man offen für Zusammenarbeit. Man könnte recht schnell in einem Planungsverfahren in die Konkretisierung des Projektes gehen. 

Können Sie das auch konkret in Jahreszahlen benennen?

Grob geschätzt unter Berücksichtigung aller vorhersehbaren Entscheidungswege: In vier Jahren etwa könnte der Bau beginnen.

Und wann könnte ein neues Historisches Museum auf dem Areal eröffnen?

Realistisch geschätzt: In sechs Jahren könnte man das Museum eröffnen. Wenn alles gut geht.

Weiterlesen: Alle Hintergründe zum Ringen um das Historische Museum Thurgau finden Sie bei uns im Themendossier.

So könnte es aussehen: Entwurfsplanung zur Neugestaltung des Kasernenareals und des Oberen Mätteli. Rot umkreist ist das Modell für einen Museumsbau. Grafik: Stadt Frauenfeld

 

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