von Michael Lünstroth, 08.05.2018

Von Irdischem und Ausserirdischem

Von Irdischem und Ausserirdischem
Eine Skulptur aus Auspuff und Orgelpfeife: Die Künstlerin Maya Bringolf hinter ihrer Arbeit "Aus dem letzten Loch pfeifen", die sie derzeit im Kunstraum Kreuzlingen zeigt. | © Michael Lünstroth

Mit Maya Bringolf und Céline Brunko treffen im Kunstraum Kreuzlingen zwei ganz unterschiedliche Künstlerinnen aufeinander. Und doch hat Kurator Richard Tisserand auch hier wieder eine Verbindung gefunden.

Von Michael Lünstroth

Kleine Quizfrage zum Einstieg: Was haben ein Harley-Davidson-Auspuffrohr und eine Orgelpfeife gemeinsam? Man denkt zunächst an eine gewisse Ähnlichkeit in der Form, aber dann kommt erstmal lange nichts. Kann es da überhaupt eine weitere Gemeinsamkeit geben? Ja, kann es. Beides sind Symbole einer Glaubensgemeinschaft, wenn man so will. Das ist genau der Punkt, der Maya Bringolf interessiert. Die in Schaffhausen geborene und heute in Zürich lebende Künstlerin zeigt in ihrer Ausstellung „Phantom Horizon“ im Kunstraum Kreuzlingen, ihrer ersten Einzelausstellung in der Bodensee-Region übrigens, unter anderem die Sound-Skulptur „Aus dem letzten Loch pfeifen“ aus dem Jahr 2015, die beide Glaubenswelten verbindet - die der Kirchgänger und die der Motorradfreaks. 

Die filigrane Skulptur besteht aus einem kleinen Motor, der die Luft aus dem Raum absaugt, in das Auspuffrohr rein bläst bis sie als Ton aus der Orgelpfeife wieder heraus kommt. Und was für ein Ton das ist. Brummend, sonor, unüberhörbar. Wie einnehmend der Klang ist, merkt man vor allem dann, wenn er wieder weg ist. Der Druck auf den Bauch ist weg, die Frequenz im Ohr wieder frei und man fühlt sich ein bisschen erleichtert, wieder so hören zu können, wie man es gewohnt war. Die Skulptur ist die wohl augenfälligste Arbeit in dieser Ausstellung, sie zieht die Blicke auf sich. 

Sieht aus wie ein Gully-Deckel. Ist es aber nicht. Maya Bringolf verfremdet uns bekannte Gegenstände auch gerne. Um neue Sichtweisen zu ermöglichen.Sieht aus wie ein Gully-Deckel. Ist es aber nicht. Maya Bringolf verfremdet uns bekannte Gegenstände auch gerne. Um neue Sichtweisen zu ermöglichen. Bild: Michael Lünstroth

In den Arbeiten findet sich auch ein sozialkritischer Ansatz

Aber erst durch die Kombination mit den weiteren Werkgruppen offenbart sich das ganze Kunstvermögen von Maya Bringolf. Sie hat in Zürich und München Kunst studiert, war von 2012 bis 2015 selbst Dozentin an der Zürcher Schule für Kunst und Design. In den vergangenen Jahren hat sie zahlreiche Preise und Stipendien erhalten, unter anderem den Eidgenössischen Preis für Kunst, der ihr sowohl 2008 als auch 2009 zugesprochen wurde. Dass Bringolf nun auch mal am Bodensee zu sehen ist, liegt auch am feinen Gespür des Kunstraum-Kurators Richard Tisserand. „Wir waren schon länger im Gespräch für eine Einzelausstellung hier, jetzt hat es endlich geklappt“, sagt Tisserand. 

Ihm gefiel wohl auch der politische und sozialkritische Ansatz in Bringolfs Werk. Den sieht man vor allem in der Arbeit „Mac goes mental“ (der Titel hat nichts mit Apple zu tun, sondern bezieht sich auf Charles Mackintosh, dem Erfinder wasserdichter Textilien). Entstanden ist sie in diesem Jahr und auf den ersten Blick sieht sie im Kreuzlinger Kunstraum aus, wie ein achtlos weggeworfener Haufen von Trenchcoats. Oder sind es die Rückzugsorte von Obdachlosen, die sich darin verkrochen haben zum Schutz gegen die Kälte der Nacht? Beides könnte sein, beide Interpretationen sind möglich wie gewollt. Die Künstlerin hält nichts von endgültigen Definitionen, sie mag es, wenn das Denken offen bleibt. Maya Bringolf hat in dieser Arbeit tatsächlich alte Kleidungsstücke, die niemand mehr wollte, benutzt, sie mit Harz überzogen und sie in Kreuzlingen nun so im Raum verteilt, dass mehrere Deutungen möglich sind. „Die versteifte Textilhaut hüllt keinen Körper ein, sie stellt sich und ihre Funktion aus, feiert ihren kulturellen Status“, heisst es in dem Begleittext zur Ausstellung.

Ins Weltall geht es durch den Keller

Derlei irdischen Dingen ist die Videoinstallation „Space Colony“ von Céline Brunko längst entflohen. Sie ist gewissermassen das Gegenstück zur Bringolf-Schau im Erdgeschoss des Kunstraums. Die Fotografin und Medienkünstlerin Céline Brunko zeigt ihre Arbeit im Tiefparterre des Hauses. Über dunkle Treppen geht es hinab ins Weltall. In „Space Colony“ setzte sich Brunko mit einem alten Menschheitstraum auseinander - der Erweiterung des eigenen Lebensraums auf fremde Planeten. Konkret geht es um das Projekt Mars One, das ernsthaft von einer niederländischen Stiftung verfolgt werden soll. Bis 2031 soll es in dieser Vision gelingen, die ersten Menschen auf dem Mars anzusiedeln. 

Video: Trailer zu Space Colony

Auf mehreren Wänden projiziert die Künstlerin ihre Sequenzen: Eine Rakete startet, die unendlichen Weiten, der sich langsam drehende rote Riese Mars. Über die Lautsprecher sind die Anforderungsbedingungen für die niederländische Mission Mars One zu hören. All das kann man erst erfassen, wenn man sich selbst durch den Raum bewegt. Erst so werden neue Perspektiven und Zusammenhänge erkennbar. Über klug im Raum verteilte Spiegel scheint sich die Arbeit ins nahezu Unendliche zu erweitern. Ohnehin erweist sich der niedrige, dunkle und feuchte Keller des Kunstraums als perfekter Spielort für Brunkos Vision. Das eine ist wie das andere: ein bisschen unheimlich in den dunklen Ecken, ein bisschen bedrückend durch den ungewissen Ausgang und doch so viele Details zu entdecken, dass man sich nicht gleich wieder umdreht und die Treppen Richtung Tageslicht nimmt. In einer eigenen Sequenz geht es um die Wandlungswünsche des Menschen und seine Sehnsucht nach einer anderen Existenz. Die Künstlerin sitzt dabei selbst vor der Kamera, zentimeterdicke Lehmschichten schmiert sie sich ins Gesicht und verformt ihr Aussehen auf bizarre Weise. Der Gedanke an fremde Wesen aus dem All ist ganz nah. Oder ist der Mensch am Ende das eigentliche Alien? 

Was bedeutet es, wenn Milliardäre in den Wettlauf ums All einsteigen?

Céline Brunko sagt, sie wolle in ihrer Arbeit nicht urteilen, sondern lediglich zeigen, was ist. Am ehesten ist es so, wie es im Begleittext zur Arbeit nachzulesen ist: „Mit der Fotografie schlägt sie eine Welt zwischen Traum und Wirklichkeit auf, um so auf die subjektive Wahrnehmung der Realität aufmerksam zu machen.“  Freilich bleibt sie dabei nicht stehen. Mit dem Beispiel der niederländischen Mission „Mars One“ weist sie auf mehr hin. Waren es einst Staaten im Wettlauf um die Pole Position im Weltall, sind heute längst private Initiativen ernsthafte Konkurrenten geworden. Tesla-Chef Elon Musk arbeitet ebenso daran wie der Milliardär Richard Branson und Amazon-Gründer Jeff Bezos. Welche Konsequenzen das haben könnte, wenn private Interessen über zukünftige Lebenswelten bestimmen, sagt Brunkos Arbeit nicht, aber sie deutet zumindest an, dass das problematisch werden könnte.

Irgendwann geht es dann doch wieder die Treppen hoch. Licht verdrängt die Dunkelheit. Und während man beim Aufstieg noch so denkt, was denn die Arbeiten von Céline Brunko und Maya Bringolf wohl verbinden könnte, wird es einem bewusst, wenn man nochmal an den Collagen von Bringolf im Erdgeschoss vorbei schlendert. Sind diese dort teilweise aufgesprayten Kugeln nicht eigentlich Planeten? Und erinnern diese Röhrensysteme nicht an Welten aus Science-Fiction-Filmen wie „Blade Runner“? Am Ende ist es wie immer: Der Betrachter sieht, was er sehen will. Aber dieses alte Spiel verliert einfach nie seinen Reiz. 

Video: arttv.ch über die Arbeiten von Maya Bringolf

Öffnungszeiten, Künstlergespräche und Schulführungen

Die Ausstellungen von Maya Bringolf und Céline Brunko sind noch bis zum 1. Juli im Kunstraum Kreuzlingen & Tiefparterre zu sehen. Die Öffnungszeiten: freitags 15 bis 20 Uhr, samstags und sonntags 13 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Am Sonntag, 27. Mai, 16 Uhr, gibt es ein Künstlergespräch mit Maya Bringolf, Irene Müller und Richard Tisserand. Führungen für Schulen sind nach Anmeldung jederzeit möglich und kostenlos. Telefon 079 376 13 35

 

 

 

 

 

 

 

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