von Michael Lünstroth, 18.05.2018

Ein Fest für die Literatur

Ein Fest für die Literatur
Das Bücherfest Frauenfeld versammelt preisgekrönte Autoren aus dem In- und Ausland. Unter anderem lesen (von links): Raoul Schrott, Selim Özdogan, Melinda Nadj Abonji und Martin Walker | © Veranstalter

Zum zweiten Mal startet am 25. Mai das Frauenfelder Bücherfest. Mit bekannten Autoren und spannenden Veranstaltungen wollen die Macher für Literatur begeistern.

Von Michael Lünstroth

Es gab mal eine Zeit in meinem Leben, da wäre ich für eine Lesung von Selim Özdogan vermutlich überall hin gefahren. Der Mann hatte vor allem in seinen Romanen „Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist“, „Im Juli“ und „Mehr“ einen Ton getroffen, der perfekt zu meinem Leben passte: Mitten im Studium, so frei wie noch nie zuvor, beglückt und gleichzeitig bedrückt von all den Wegen, die offen schienen. Für vieles, was ich damals empfand, aber nicht so recht benennen konnte, fand Özdogan die richtigen Worte. Diese hier zum Beispiel: „Aber stand denn irgendwo geschrieben, dass man immer nur einen Menschen lieben konnte. Das war doch nur ein Unsinn, den Verliebte erfunden hatten, weil ihrer Selbstsucht keine Grenzen gesetzt waren, man wollte der eine, der einzige sein. Kam es nicht in erster Linie darauf an, dass man sich selbst treu blieb und nicht den anderen.“ All jene, die dieses Lebensgefühl zwischen „Alles ist möglich“ und „Alles ist scheisse“ nachempfinden können, sei der 26. Mai als Termin empfohlen. Denn dann liest Selim Özdogan in Frauenfeld (17 Uhr, Kantonsbibliothek). Im Rahmen des Frauenfelder Bücherfestes stellt er seinen aktuellen Roman „Wo noch Licht brennt“ vor.

Es ist nur eine von zahlreichen Veranstaltungen am kommenden Wochenende, das in der Kantonshauptstadt ganz im Zeichen des Buches steht. Von Freitag bis Sonntag gibt es etliche Lesungen, Gespräche und Performances. Nach 2016 findet das Bücherfest nun zum zweiten Mal statt. Programmchefin Marianne Sax hat auch dieses Mal ein spannendes Programm zusammen gestellt. Eröffnet wird das Festival am Freitag, 25. Mai, um 19 Uhr, im Frauenfelder Rathaus von der Literaturwissenschaftlerin Christine Lötscher und dem Autor Martin Walker. Lötscher war von 2014 bis 2016 Mitglied im Kritikerteam der Sendung «Literaturclub» im SRF. Walker ist Autor der französischen „Bruno“-Krimis. Während die Kritikerin über das Thema: «Der Abgrund im Alltag – der Regionalkrimi als Genre der Globalisierung» spricht, unterhält sich Martin Walker mit Ruth Geiger vom Diogenes Verlag auf Deutsch über sein Leben, über seine französischen Krimis mit Bruno und darüber, wie beides zusammenhängt. 

Das Programm ist bemerkenswert klug und stimmig ausgewählt

Im Verlauf des weiteren Festivals geben sich ausgezeichnete Schriftstellerinnen und Schriftsteller gewissermassen die Klinke in die Hand. Eine kleine Auswahl: Melinda Nadj Abonji (Deutscher und Schweizer Buchpreis 2010, 2018 erhält sie den Schillerpreis der Zürcher Kantonalbank) stellt ihren aktuellen Roman „Schildkrötensoldat“ vor (26. Mai, 21 Uhr, Theaterwerkstatt Gleis 5), Raoul Schrott (unter anderem Friedrich-Hölderlin-Preis und Peter-Huchel-Preis) liest aus seinem Buch „Erste Erde Epos“, in dem er versucht, das Wissen der Welt zu bündeln und es auf einen poetischen Nenner zu bringen (26. Mai, 19 Uhr, Rathaus) und Döblin-Preisträger Michael Kumpfmüller hat seinen Roman „Die Erziehung des Mannes“ im Gepäck (Samstag, 26. Mai, 13 Uhr, Kantonsbibliothek). Das Programm ist insgesamt so dicht gespickt mit spannenden Veranstaltungen, das sich literatur-interessierte Menschen am besten gleich das komplette Wochenende freihalten für das Festival. 

Natürlich geht es im Programm auch um das Buch „Was man von hier aus sehen kann“. Mariana Leky hat ihn verfasst und es ist der Roman, der in der festivalvorbereitenden Aktion „Frauenfeld liest ein Buch“ im Zentrum stand. Darin wurden die Frauenfelder aufgerufen, das Buch zu lesen. Beim Bücherfest gibt es nun die Gelegenheit zum Austausch darüber. Die Autorin liest aus ihrem Werk und stellt sich auch den Fragen des Publikums (26. Mai, ab 13 Uhr, Theaterwerkstatt Gleis 5).

Mariana Leky

Stellt sich den Fragen des Publikums: Die Schriftstellerin Mariana Leky. Bild: Veranstalter 

Neben den klassischen Lesungen bemühen sich die Veranstalter auch um neue Formen der Vermittlung. So wenden sich mehrere Programmpunkte speziell an Kinder und Familien. Gemeinsam mit Partnern wie dem Kaff oder dem Cinema Luna stehen aber auch Crossover-Projekte im Programm, die die Berührungspunkte von Literatur mit Musik oder Film ausloten. 

Termin: Das Frauenfelder Bücherfest findet statt vom 25. bis 27. Mai an verschiedenen Orten der Stadt. Eine Übersicht über das komplette Programm und Hinweise zum Ticketkauf gibt es auf der Festivalseite: http://buecherfest.ch 

 

Wer steht hinter dem Bücherfest?

Organisiert werden die Aktion „Frauenfeld liest ein Buch“ und das Frauenfelder Bücherfest von der Kantonsbibliothek, der Mediothek der Kantonsschule, dem Kulturlokal Kaff, dem Cinema Luna, dem Verein Bibliothek der Kulturen, dem Bücherladen Marianne Sax und dem städtischen Amt für Kultur, das die beiden Anlässe koordiniert. Die Programmleitung hat Buchhändlerin Marianne Sax inne. Unterstützt wird das Frauenfelder Bücherfest vom Kanton Thurgau und der Stadt Frauenfeld.

 

 

 

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